Dieser Tag verschließt mir den Mund und sagt: Nimm mich ernst ! Nach der zweiten Nacht mit wenig Schlaf hatte ich unter dem Auge eine Schwellung. Die Haut war so ausgetrocknet und klebend, wie bei alten Leuten. Nach dem Kühlen ging es weg. Ich bin wie immer gegen 7 losgegangen, die Kälte war feucht und mir schmerzten die Ohren. In der Schule war mir schwindlig vor Müdigkeit. Ich konnte mich nur langsam bewegen und mußte alle halben Stunden zur Toilette, denn die Blutung ist seit gestern wieder sehr stark. Das macht mir jetzt doch Sorge, es dauert inzwischen über sechs Wochen. Ich verstehe nicht, was es mir sagen soll, außer dass ich Ruhe brauche. Aber darauf höre ich nicht, weil ich dann zum Arzt müßte. Man würde garantiert was “Ernstes” finden. Etwas anderes zu simulieren, da sträube ich mich, obwohl ich das früher in meiner Schulzeit oft und erfolgreich gemacht habe. Einen offiziellen Krankheitsstatus hatte ich seit vielen Jahren nicht, ich will nicht mal zum Schein dahin.
Gestern hatte ich beschlossen, nun endlich U. anzurufen. Jetzt habe ich sogar ein Symptom, da ist es notwendig. Wichtig genug. Andernfalls “geht es ja immer noch”. Was ich heute so gedacht habe, sollte ich mal aufschreiben: Ich wußte, dass U. Besuch hatte. Da muß ich ja nicht unbedingt anrufen. Heute hat mir E. geschrieben, dass sie zur Ist-Klärung fährt. Da hab ich also die “Gelegenheit” verpaßt, in den letzten Tagen anzurufen, und nun hat er schon wieder Wichtiges zu tun. Dann kann es immer noch sein, dass ich nicht offen genug sein kann und der Anruf “umsonst” ist. Und selbst wenn ich alles verständlich erzählen könnte, würde es an den Tatsachen nichts ändern. Tatsachen, von denen ich denke, ich weiß nichts Genaues, kann nur vermuten, auch bei mir selbst, also brauche ich nicht genau hinzusehen. Und soll ich ihm den Zorn vor die Füße kippen? Wohin mit der sprachlosen Wut, wenn sie beim Erzählen hochkommen sollte ? Wird er sie verstehen, oder muß ich gleich mich selbst ansehen ? Würde ich fluchen und schimpfen auf diese unreife Art wie meine Schüler ? Ach, es tut sowieso nur weh, ich will das nicht. Was gibt es auch zu sagen, es ist ja nichts da. Ich gehe hier in die Schule und mehr ist nicht. Was sich in meinem Kopf abspielt, ist nicht wichtig. Heute dies, morgen das.
Wenn ich mich mit jemandem nicht verstehe, dann brauche ich auch keinen Kontakt zu ihm zu haben. Es tut mir doch nicht gut. Ich wurde kurz abgecheckt und ausgemustert, und das wars. Als Mensch oder Freundin komme ich dann auch nicht mehr in die Liga. Meiner Direktheit wegen dürfte ich dann ruhig noch in der Leitung bleiben. Ich bin zweitklassig, zweite Wahl. Das fühle ich auch so. (Bei Th. damals war das ständig so: Jede Frau ist besser als ich. Schon allein dadurch, dass er sie noch “vor sich hat” und sie ansehen kann. Ich stehe neben ihm, im “toten Winkel”, mich hatte er schon, mich sieht er nicht mehr und eine zweites Mal gibt es nicht) Und wenn das alles nur Einbildung wäre, dann bliebe doch die Erinnerung an den kühlen, ausweichenden Blick unter halbgesenkten Lidern, der mich wissen ließ: Wie enttäuschend, wie langweilig, wie billig ! Laufen nicht genug von solchen hier auch an mir vorbei und das ist einfach eine andere Welt, mit der ich nicht in Verbindung komme, weil sich da nichts berührt ? Und das ist ganz normal und kaum von Bedeutung. Und abends, wenn ich Musik höre, dann ist die Verbundenheit doch spürbar. Sie ist da. Also ist alles in Ordnung so. Man muß sich nicht mit jedem gut verstehen, mit dem man verbunden ist. Ich bin auch mit denen verbunden, die ich einmal gekannt habe, mit denen ich negative Erfahrungen hatte und das ist am Ende genauso wertvoll. Es gibt nur noch das, was mein Problem ist. Aber ich will nicht auf mich sehen. Ich muß dort hinsehen, von wo die Ablehnung kommt. Wie Hypnose. Ich weiß ja, wie es sich mit U. lösen würde. Ich bekäme ein Gefühl für meinen Zustand, eine Anteilnahme und automatisch hätte ich wieder eine angemessene Einstellung zum Gegenüber. Das würde mir doch gut tun. Aber ich verharre hier in dieser Situation, wie in diesem Job, als gäbe es wie dort keine Auswege. Denke ich etwa, wenn ich diesen Job machen muß und nicht heraus kann, dann kann ich auch an der anderen Sache nichts ändern? Es gibt da einen Zusammenhang.
Ich kriege es also hin, ich verdiene Geld, ich mache es gut, ich gehöre irgendwie dazu. Von so viel Erfolg bin ich als “Versager”offenbar überwältigt und denke: Da kann ich froh sein, mehr würde ich auch gar nicht hinkriegen. Wie anmaßend von mir, mehr gewollt zu haben, ich bin hier unter meinesgleichen, wenn auch mit einer besonderen inneren Erfahrung. Um dort herauszukommen, also gekündigt zu werden, müßte ich absichtlich versagen.
Ich muß daran denken, dass ich mich zum Treffen mit J. auch absichtlich alltäglich gekleidet und benommen habe, weil ich die Kündigung schon im Vorfeld spürte. Es sollte ihn ärgern und schockieren, ihm zeigen, in was er sich da hineingesteigert hat, ohne mich wirklich anzusehen. Wenn er mich einfach nur als Mensch hätte kennenlernen wollen, wir hätten Spaß haben können, dachte ich immer. Wir hätte vielleicht viel gelacht und uns schlagfertig geneckt. Viel geredet oder wenig. Und da, wo wir uns ähnlich sind, da hätten wir uns angelächelt und verstanden. Oder wir wären an der Elbe entlang gelaufen und hätten die Füße im Wasser gekühlt. Vielleicht hätte einer von beiden so eine spontane Idee gehabt, und der andere hätte sich vielleicht geniert, aber mit diesem Menschen hätte er es sich doch gewagt, denn er ist ein Nahestehender, der einem, und dem man etwas sehr Verletzliches in die Hände gelegt hat. Wir hätten Schmerzen teilen können, wenn so etwas aufgetaucht wäre. Oder Sehnsucht. Er hätte mich ein bißchen ausfragen und zum Reden bringen können. Oder ich ihn. Oder wir hätten uns einfach ruhig unterhalten, einander beide zugewandt. Und jeder wäre mit etwas Neuem, Warmen im Herzen nach Hause gefahren und hätte gedacht: Das also ist J. Das also ist B. Wie interessant, wie eigenartig ! Mit so jemandem kann ich also freundlich verbunden sein, obwohl er/sie so anders ist und lebt. Wir denken und fühlen oft ähnlich, obwohl wir so entfernt voneinander wohnen. Und wir sind nicht nur zwei verletzte Kinder, wir sind auch fröhliche Kinder und scheren uns für eine Weile nicht um diese übliche Welt um uns herum. Wir kennen da was anderes.
Das hätte Jetzt-Projekt-Qualität, und da habe ich aus Gekränktheit seinen Exklusivitätsansprüchen meine entgegengesetzt. Wir haben uns da mit überhöhten Erwartungen gegenseitig abgewehrt. Außerdem waren sie verschieden. Aber er fragte nicht, also sagte ich nichts, und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
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