Das, was ich als eigene Wahrheit aus meinem Inneren hervorbringe, also meine Selbstäußerung, hat einen Wert an sich, der unangetastet bleiben muß. Ich sage nur: so sehe, denke, fühle ich es. Es hat frei zu bleiben von Vergleichen mit anderen und von Kritik in jeglicher Form. Das ist etwas, was meinem machtsüchtigen Verstand, und dem anderer, Schwierigkeiten macht. Das Unverfälschte, Natürliche erscheint naiv, banal bis suspekt. Es muß immer irgendwie gestutzt, kultiviert, kontrolliert werden. Auch ich verfälsche oft meine Wahrheit und stutze an anderen herum, wenn irgendeine, noch so feine oder unbewußte Angst da ist. In diesem Sinne habe ich meine eigenen Versuche der Offenheit gleichzeitig zu zeigen und zu vertreten. Zum Beispiel ist es in meinem Kopf, wie bei anderen, dass solche Offenheit naiv erscheint. Das ist, weil sie, wenn es Offenheit ist, bedenkenlos ist und sein muß. Wenn man dann zunächst geneigt ist, mich auch wie ein naives, kleines Dummchen zu behandeln, habe ich, im Bewußtsein meines eigenen, ganz normalen Selbstwertes, die Möglichkeit, etwas zu klären, wenn die gegenseitige Bereitschaft da ist. Ich muß mich dann weder ohnmächtig fühlen, noch mich trotzig abwenden und verschließen. Denn damit verstopfe ich meine Quelle, es sprudelt nicht mehr. Auch Ignoranz ist eine Taktik, die ich anwende, so wie sie von den meisten praktiziert wird. Meine Wahrheit, meine Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte zu ignorieren, weil irgendetwas anderes wichtiger erscheint, oder mir etwas daran Angst macht Darum ist es wichtig, nicht aufzuhören, mich zu äußern und meine „Schützlinge“ zu vertreten. In erster Linie vor meinem eigenen angstgetriebenen Verstand, der immer gleich auf Überlebensmodus schalten will, wenn Schwachstellen berührt werden. Und wenn ich das kann, stoße ich auch resonant auf Verständnis und Unterstützung, wie bei W. Ich muß fragen und zuhören, was mein ängstlicher Verstand von mir will, ihn beruhigen und mit den Gefühlen bekanntmachen. Damit er erkennen kann, dass spontane Äußerungen, frei fließende Lebensenergie von innen heraus, nicht bedrohlich sind. Weder bei anderen, noch für andere, noch für einen selbst.
Was ich hier zu erfassen versuche, ist eigentlich ein Erleben, eine wichtige Einsicht, eine Erfahrung, die ich damit trotzdem nicht kultivieren kann. So war es, und ich kann mich nur darüber freuen.

Parallel zu den unruhigen Überlegungen und Gefühlen wegen dieser Arbeit, laufen diese schmerzhaften inneren Vorgänge in Bezug auf Männer. Es geht weder um Liebe, noch um Erotik oder Sexualität. Es sind schlicht und einfach nur Freundlichkeit, Austausch und menschliche Nähe, die bereits blockiert, oder eben sexualisiert werden. Diese unangemessene Härte, das Kämpfen, auch gegen sich selbst – wenn ich das zu spüren kriege, muss ich es in mir haben. Der Punkt, wo Enttäuschung, Verletztheit und Resignation in Verbitterung umschlagen. Was ungefähr heißt: Ehe mich das Wenige immer wieder an den schmerzlichen Mangel erinnert, verzichte ich lieber ganz darauf. Aber so geht es auch nicht mehr. Erstens weil es mich lebensmüde macht, zweitens weil ich damit mutige Ansätze unterschlage oder übersehe. Denn bei allem Schmerz gab und gibt es die Bereitschaft von beiden Seiten, sich zu zeigen, wie es innen aussieht. Und das ist zunächst ein schrecklicher Anblick.Das auszuhalten und anzunehmen ist der Anfang der Heilung.

In Bezug auf diese Arbeit habe ich wie früher das Gefühl, zu frühzeitig aus dem Nest geworfen zu werden. Frierend und müde in einer Welt zu stehen, die etwas von mir verlangt, was über meine Kräfte zu gehen scheint. Mit Ermutigung und Unterstützung, die ich ja auch bekomme, ist es aber vielleicht machbar. Ich muß mir an dieser Stelle auch selbst sagen, was mir ein anerkennender , mich kennender Mensch sagen würde: Die Hochsensiblen, die mit der Last und Lust einer großen Innenwelt zu leben haben, bzw. mit einer weniger gefilterten Wahrnehmung der Innenwelt, müssen sich in der Welt einen Platz suchen, den die meisten als Schonplatz bezeichnen würden. Hausfrauen mit Nebenjobs, Teilzeitarbeit, ruhiger Arbeitsplatz, überschaubarer Bereich usw. Nur dort entfalten sich die speziellen Stärken. Und wenn ich das schaffe, mit dieser Arbeit, mit der Selbständigkeit, dann wäre es eine besondere Leistung für mich, und wenn nicht, wäre es kein Versagen.

Gestern bauten sich mehrere Spannungen auf einmal auf. Zuerst rief die Personalchefin an. Wir besprachen den Vertrag und die Bezahlung. Nachdem sie gehört hatte, dass ich mein Studium nicht beendet hatte, ging sie mit dem Stundensatz herunter. Das Gefühl des Erniedrigt- und Verkanntseins machte mich sprachlos. Ich bin trotz allem immer noch überqualifiziert für diesen Job und werde das beim nächsten Gespräch nochmal darlegen. Offenbar ist meine psychische Erreger- anfälligkeit im Moment hoch. Im Zusammenhang mit W. erlebte ich aufsteigende Panik. Die Angst, mal wieder weggedrängt, abgeschoben zu werden. W.s Anruf am Abend löste die Spannung wieder auf. Danach noch ein Telefongespräch mit G., vor dem ich die Befürchtung hatte, dass es ein unpassendes Zuviel sein würde. Es war aber angenehm. Neben dem Fachsimpeln sprach er auch aus, sich eine „ganz liebe Freundin“ zu wünschen. Ich fühlte mich davon nicht bedrängt, ich fühle mich fähig zum Dialog, zum Ja und Nein sagen innerhalb eines Kontakts und habe auch den Eindruck, dass G. sich kaum Illusionen macht, sondern die Dinge sieht, wertschätzt und nimmt, wie sie kommen.

Ich erwarte Anerkennung von dort, wo sie beim besten Willen nicht gegeben werden kann. Genau dort suche ich sie und nirgendwo anders. Dort schaue ich wie festgenagelt hin. Von dort muß es kommen und wenn nicht, ist es einfach unfaßbar. Das ist ein hypnotisches Kindheitsmuster, verbunden mit dem kompletten Gefühl der Minderwertigkeit. Teilweise stecke ich darin, teilweise kann ich es mit Abstand erkennen. Es treibt mich von selbst in passendere Verhaltensweisen, Sichtweisen und Kontakte.

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